SZ Nr. 58, Freitag, 10. März 2023
Genug ist genug Von Klaus Kienzler
 
...Es wird Zeit, den wahren Grund zu nennen, warum die Bischöfe den Missbrauch so lange vertuscht haben.

Jetzt ist es genug. Genug mit den Studien zur Aufklärung der Missbräuche in den Diözesen. Mainz war die 
siebte Studie. Damit gibt es Studien in etwa einem Viertel der 27 deutschen Diözesen. Soll es in der 
Geschwindigkeit, ohne Kooperation der Bistümer miteinander, so weitergehen? Dann würde es noch 15 bis 20 
Jahre dauern, wenn alle mitmachten. In 20 Jahren wären die Kirchen aber wohl völlig leer. Was brächte jetzt
ein weiteres Hinauszögern bei uns? Nichts! In der Öffentlichkeit wird bereits zwischen „guten" und „bösen" 
Bischöfen unterschieden. Im Grunde wären aber alles böse Bischöfe, denn sie haben alle gleich gehandelt, 
wie sich bisher gezeigt hat. Der emeritierte Erzbischof von Freiburg, Robert Zollitsch, hat im Oktober 2018
sein Verhalten öffentlich bereut und in der Zeit bekannt: „Wir haben alle so gehandelt." Gibt es denn keinen
Weg, diesen Prozess zu stoppen? Doch! Ein recht einfacher sogar, wenn auch schmerzlicher. Man müsste einmal
nach dem wahren Grund fragen, warum auch „gute" Bischöfe so gehandelt haben.
Der Grund ist relativ einfach. Und ich bin überzeugt, dass ihn auch die Bischöfe und Theologen kennen, 
aber verschweigen. ...

( Der damalige Kardinal Ratzinger ruft darin im Auftrag des Papstes Johannes Paul II aufgrund des Apostolischen Schreibens Sacramentorum sanctitatis tutela (als motu proprio am 30. April 2001 ergangen) die der Glaubenskongregation vorbehaltenen schweren Straftaten in Erinnerung, darunter „die von einem Kleriker begangene Straftat gegen das sechste Gebot des Dekalogs an einem Minderjährigen unter 18 Jahren“,[womit sexueller Missbrauch durch Kleriker gemeint ist. )

Das geheime Schreiben „De delictis gravioribus" verschickte im Jahre 2001 Kardinal Ratzinger im Namen des Papstes an alle Bischöfe der Welt. Darin befahl er, dass die Missbrauchsfälle nicht an die 
Öffentlichkeit gelangen durften, sondern an ihn gesandt werden mussten. Der Hintergrund waren die 
skandalösen Missbrauchsfälle der 1990er-Jahre in den Vereinigten Staaten, die meist nicht vor kirchliche 
Gerichte kamen, sondern vor staatliche. Das Ergebnis waren Zahlungen in Millionenhöhe - längst sind daraus 
Milliarden geworden. Da wollte der Vatikan natürlich nicht zusehen, und der Papst beauftragte deshalb den 
Präfekten, ein Dekret zu erlassen. Aber damit nicht genug, es wurde als „Päpstliches Geheimnis" firmiert, 
sprich, wer es nicht geheim hielt, hatte mit schwersten Kirchenstrafen zu rechnen. Mit allerschwersten 
Strafen, wohl bis zum Entzug des Bischofsamtes, wurde gedroht. Soweit der Inhalt des Geheimschreibens.

Interessant ist die Vorgeschichte von Ratzingers Dekret. Es ist die Verschärfung von „crimen 
sollicitationis" von Kardinal Ottaviani aus dem Jahre 1962. Dieser Text ordnet in allen kirchenrechtlichen 
Einzelheiten die Fälle des Missbrauchs und die entsprechenden Verfahren dazu. Entscheidend dabei ist die 
völlige Geheimhaltung des rein innerkirchlich rechtlichen Verfahrens und die Androhung streng 
kirchenrechtlicher Strafen bei Zuwiderhandlung. Diese Vorgeschichte wirft ein überaus erhellendes Licht auf
die Nachgeschichte. Denn später als emeritierter Papst Benedikt XVI. geht Ratzinger in seiner 80 Seiten 
langen Verteidigung der Missbrauchsstudie von München auf das Dekret von 1962 ein - allerdings auf eine 
seltsame Weise. Denn er führt aus, er habe zwar davon gewusst, das Dekret aber nicht gekannt. Wollte er sich
damit herausreden, ihm seien die Pflichtverletzungen in München gar nicht recht bewusst gewesen? 
Jedenfalls hat er das in „De delictis gravioribus" streng nachgeholt. Wie dem auch sei, seine Aussage 
wirft doch ein vielsagendes Licht auf die damalige Einstellung der Bischöfe und der Kirche. Das Dekret 2001
war die Antwort darauf.
Warum aber halten sich die Bischöfe bis heute daran? Dazu hat der Regensburger Professor Wolfgang Beinert 
auf etwas aufmerksam gemacht. Im Jahre 1987 hat eben derselbe Glaubenspräfekt Ratzinger schon einen 
„Treueeid" auch für Bischöfe eingeführt. Das ist ein Eid zur Treue auf den Papst, ohne den keiner Bischof 
werden kann. Das ist wohl der eigentliche Grund, warum die Bischöfe so gehandelt haben. Verständlich? Nein!
Diese Treue zu dem Eid mag zwar honorig erscheinen, ist aber nicht zu halten. Denn es ist kaum anzunehmen, 
dass der liebe Gott, vor dem der Eid abgelegt wird, zustimmt, dass der Bischof, der den Eid ablegt, zum 
Kumpanen eines Täters wird, indem er ihn gehen lässt, versetzt oder dessen Taten vertuscht, und es ihm 
ermöglicht, sich wiederum zu vergehen, vielleicht über Jahre hinweg.
Die Beschreibung der Wirkungen des genannten Dekrets sind keine Erfindungen, sondern wirklichen Vorgängen 
entnommen. Den schlagenden Beweis gibt ausgerechnet der damalige Bischof von Regensburg und spätere 
Nachfolger Ratzingers in der Glaubenskongregation, Gerhard Ludwig Müller. 2007 spitzte sich der 
Missbrauchsskandal in der Gemeinde Riekofen (Diözese Regensburg) zu. Pfarrer K. wurde des wiederholten 
Missbrauchs überführt, von der Pfarrstelle entfernt und ein neuer Pfarrer bestellt. Um die Unruhen darüber 
in der Pfarrei aufzuklären, hatte Bischof Müller seinen Besuch am Sonntag, 23. August 2007, angekündigt. 
Doch in der Woche davor sagte er in einem lokalen Fernsehsender überraschend ab -mit dem Hinweis, er habe 
den ganzen Fall ... nach Rom gemeldet und deshalb damit nichts mehr zu tun.
Dem Schreiben „De delictis" wurde weltweit Gehorsam geleistet. Viele Zeugnisse sprechen eine deutliche 
Sprache. Das Dokument war vor allem eine Antwort auf die Diskussion um den Missbrauch in den USA. Es sei 
nur auf die Aussage des Vorsitzenden der amerikanischen Bischofskonferenz, Kardinal Francis George, aus 
dem Jahr 2007 hingewiesen. Er beschrieb die Folgen der Anordnungen Roms: Alle Fälle wurden nach Rom 
gemeldet; die Meldungen blieben unbehandelt in Rom liegen; die Bischöfe waren auf sich selbst angewiesen; 
sie schlugen in ihrer Entscheidungsnot den „Verwaltungsweg" ein, das heißt, sie versetzten inkriminierte 
Priester an andere Orte der Diözese oder in andere Diözesen.
Die wohl einzige Lösung, den langwierigen Prozess der Aufklärung von Missbräuchen in der Kirche schneller 
zu beenden als bisher vorgesehen, wäre nach dem Gesagten, wenn die Bischöfe gestehen würden: Ja, es tut uns
leid, so gehandelt zu haben, aber wir haben es in vermeintlicher Treue zu Papst und Kirche getan. Wir können
nur darum bitten, dass Papst und Kirche dieses schlimme systemische Fehlverhalten einsehen und alle 
Betroffenen um Verzeihung bitten.
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Klaus Kienzler ist emeritierter Professor für Fundamentaltheologie an der Universität Augsburg. Als Pfarrer
arbeitet er in Augsburg zur Mithilfe in der Pfarrei St. Remigius.