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Die Armut
frisst sich in die Mitte INTERVIEW ALEX
RÜHLE
SZ:
Herr Butterwegge, am 25. April 2001 wurde der erste Armuts- und
Reichtumsbericht
vorgelegt. Warum war das damals ein einschneidender Moment? CB:
Weil sich die Bundesregierung, die bis dahin geleugnet hatte, dass es
Armut überhaupt gibt, des Themas erstmals angenommen hat und die Armut
im Titel mit dem Reichtum verbunden hat. Innerhalb des Berichts wurde
allerdings damals wie heute keinerlei strukturelle Verbindung zwischen
Armut und Reichtum hergestellt. SZ:
Was hat sich
in Deutschland zwischen dem ersten und dem aktuellen Bericht geändert? CB:
Die sozioökonomische Polarisierung hat sich verstärkt. Auch wenn sich
das im Bericht nicht durchgängig wiederfindet, weil an einigen Stellen
behauptet wird, die Ungleichheit habe sich seit 2005
nicht
mehr verschärft. Im Herbst 2005
kam
die neue Regierung ins Amt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, nämlich
dass justament seit Merkels Regierungsantritt sich die Ungleichheit
nicht verschärft haben soll. Insgesamt bedient der Bericht ein
neoliberales Narrativ, das Armut verharmlost und Reichtum verschleiert. SZ:
Inwiefern? CB:
Der Reichtum wird verschleiert, indem man schon Personen reich nennt, die
mehr als das Doppelte des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Für
die Bundesregierung ist man mit einem Nettogehalt von 9000 Euro
einkommensreich und befindet sich in derselben Kategorie wie Dieter
Schwarz, der über ein Privatvermögen von 41,8 Milliarden Euro verfügt. SZ:
Ist er der reichste Deutsche? CB:
Ja, der Eigentümer von Lidl und Kaufland.
Der würde sich totlachen, wenn er wüsste, dass in den Augen der
Bundesregierung ein Lehrer mit ihm, Schwarz, in einem Klub ist. An anderer
Stelle lässt man den Reichtum sprachlich verschwinden. Es wurden acht
Soziallagen konstruiert: Armut, Prekarität, bis hin zu Wohlstand und
zuletzt „Wohlhabenheit". Ein bizarres Kunstwort und ein
semantischer Taschenspielertrick. Besagter Dieter Schwarz, der sein Vermögen
während der Pandemie laut Forbes um 14,2 Milliarden
Dollar vermehrt hat, fällt unter diese „Wohlhabenheit" - mit
fast acht Millionen anderen Deutschen. SZ:
Wie stark ist die Ungleichheit gewachsen? CB:
Laut Statistischem Bundesamt haben 15,9 Prozent ein Einkommen, das
geringer als 60 Prozent des mittleren Einkommens ist. Demnach verfügen 13,2 Millionen
Menschen in Deutschland über weniger als 1074 Euro im Monat. Die Armut
frisst sich mittlerweile in die Mitte der Gesellschaft hinein, und das
wird durch den zweimaligen Corona-Lockdown verstärkt. Kurzarbeiter,
Soloselbständige, Kleinunternehmer sind an den Rand des Ruins geraten,
was beim Gang durch die Stadt am wachsenden Leerstand zu erkennen ist. SZ: Und auf Seiten des
Reichtums? CB:
Polarisierung findet auch dort statt. Wie das Deutsche Institut für
Wirtschaftsforschung herausgefunden hat, gehören den reichsten zehn
Prozent der Bevölkerung inzwischen mehr als 67 Prozent des
Nettogesamtvermögens. Beim reichsten Prozent sind es über 35 Prozent und
beim reichsten Promille immer noch 20 Prozent. Der
Reichtum konzentriert sich also auch unter den Reichen an der Spitze. CB:
Lässt man Unternehmensbeteiligungen, Aktien, Immobilien weg, beläuft
sich das reine private Geldvermögen auf etwa sieben Billionen Euro.
Geld ist also genug da, nur ist es sehr ungleich verteilt. Dazu hat die
Bundesregierung durch ihre Politik beigetragen. Denn sie begünstigte
Reiche und Hyperreiche, wie ich sie nenne, weil es nicht gesund für die
Gesellschaft ist, dass 45 Familien mehr
besitzen als die Hälfte der Bevölkerung, also über 40 Millionen
Menschen. Trotzdem lobt sich die Bundesregierung über viele der knapp
600 Seiten, was sie alles getan hat, um der angeblich nicht mehr
wachsenden Ungleichheit zu begegnen, und nennt anschließend wenig, was
ihres Erachtens noch zu tun bleibt. SZ: Was hat denn zu
dieser sozialen Polarisierung geführt? CB:
Dreierlei: Zum einen wurde der Arbeitsmarkt extrem dereguliert. Wenn man
den Kündigungsschutz lockert, Leiharbeit liberalisiert, mit den Mini- und
Midijobs prekäre Beschäftigungsverhältnisse einführt, wächst der
Niedriglohnsektor, der mittlerweile fast ein Viertel aller
Beschäftigungsverhältnisse
umfasst. Das zweite ist die Demontage des Sozialstaates. Wenn man selbst
Geringverdiener riestern lässt, werden diejenigen, die die Banken und
Versicherungen besitzen, noch reicher, und die anderen, denen eine auskömmliche
gesetzliche Rente fehlt, rutschen weiter ab. SZ: Und der dritte Grund? CB:
Alle Kapital- und Gewinnsteuern sind während der vergangenen Jahrzehnte
entweder abgeschafft worden wie die Börsenumsatz- und die
Gewerbekapitalsteuer, werden einfach nicht mehr erhoben, wie die Vermögenssteuer,
obwohl sie noch im Grundgesetz steht, oder sind drastisch gesenkt worden
wie die Körperschaft- und die Kapitalertragsteuer sowie der
Spitzensteuersatz
in der Einkommensteuer. Außerdem kann man heute einen Konzern erben,
ohne einen Cent Erbschaftsteuer zahlen zu müssen. Dagegen wurde die
Mehrwertsteuer als größte Steuerbelastung der Armen von 16 auf 19 Prozent erhöht.
Obwohl der Bundestag vor zwanzig Jahren beschlossen hatte, die Armuts-
und Reichtumsberichte müssten „die Ursachen von Armut und Reichtum
darlegen", finden Sie zu alledem auch im neuen Report der
Bundesregierung
kein Sterbenswort. SZ: Sie schreiben in
einem aktuellen Aufsatz, eine der dramatischsten Folgen dieser sich
vertiefenden Kluft zwischen Arm und Reich sei „der sozialräumlich
Zerfall der Städte". Wie meinen Sie das? CB:
Viele Familien können sich die Innenstädte nicht mehr leisten und
werden rausgentrifiziert. Man findet abgeschirmte „Gated Communities“
und andererseits Hochhaussiedlungen, in denen über die Hälfte aller
Kinder von Sozialgeld leben. SZ: Inwiefern hat das mit Politik zu tun?
Regeln sich Mieten nicht nach Angebot und Nachfrage? CB:
Seit den 1980er Jahren hat die staatliche Wohnungs- und
Stadtentwicklungspolitik privaten Investoren das Feld überlassen. Damals
wurde die Wohngemeinnützigkeit abgeschafft und die Wohnung verstärkt zur
Ware und zum Spekulationsobjekt. SZ:
Berlin hat versucht, seine Mieter durch den
Mietendeckel zu schützen. CB:
Das
war aber nur eine Notlösung zur Regulierung des Wohnungsmarktes. Statt
die Wohnungen nach der Jahrtausendwende auf den Markt zu werfen und knapp
20 Jahre später zu versuchen, den Markt stärker zu regulieren, hätte
Berlin sie in eigener Hand behalten müssen. Viele Kommunen haben
Wohnungsbestände verscherbelt, weil es zur Hochzeit des Neoliberalismus
hieß, der Markt werde es schon richten. Verschärft wird das Ganze
dadurch, dass seit Jahren viel mehr Wohnungen aus der Mietpreis- und
Belegbindung herausfallen, als neue dazukommen. SZ:
Ist der Mietendeckel
gestorben? CB:
Dass der konservative Zweite Senat des Bundesverfassungsgerichts den
Mietendeckel nicht inhaltlich, sondern mit einer rein formalen Begründung
gestoppt hat, verweist auf die dringende Notwendigkeit, ihn auf
Bundesebene zu regeln. Aber dazu müssten die politisch Verantwortlichen
erst mal bereit sein. Da die CDU im vergangenen Jahr von der
Immobilienwirtschaft mehr als 1,25 Millionen Euro an Spenden bekommen hat,
wird sich diese Partei kaum für Mieterrechte starkmachen. SZ: Aber
dass es brennt,
muss doch allen klar sein. CB:
Ja, das ist die soziale Frage des nächsten Jahrzehnts. Die Initiative
„Deutsche Wohnen & Co. enteignen!" legt die Axt an die
Wurzel: Man sollte die Wohnungsversorgung als Kernbestandteil der
sozialen Daseinsvorsorge sehen und in die öffentliche Verantwortung
nehmen. In Wien sind die Mietpreise nur halb so hoch wie in München,
weil dort mehr als 50 Prozent der Mietwohnungen nicht Konzernen,
Immobilienfonds
oder privaten Vermietern, sondern der Stadt gehören, öffentlich
gefördert
werden oder in genossenschaftlichem Besitz sind. SZ:
Wird denn bei uns weniger über Armut diskutiert als in anderen Ländern? CB:
Oh ja. Armut war lange nur in der Vorweihnachtszeit ein Thema, wenn
Spenden gesammelt wurden, und der Reichtum ist immer noch ein
Stiefkind der medialen Aufmerksamkeit wie der Forschung. Begriffe wie
„Klasse" und „Klassengesellschaft" gelten hierzulande als
marxistische Signalworte und sind entsprechend verpönt. SZ:
Woher rührt das?
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