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SPIEGEL: Herr Zucman, haben Sie schon eine Joe-Biden-Tasse auf dem
Schreibtisch stehen?
Zucman: Nein. Aber ich begrüße, dass der US-Präsident entschlossen gegen
die Steuerflucht großer Konzerne vorgeht. Das kann das Gesicht der
Globalisierung verändern, und zwar zum Besseren.
SPIEGEL: Im US-Vorwahlkampf haben Sie noch Bernie Sanders unterstützt, dem
Bidens Steuerpläne zu moderat waren. ..
Zucman: .. Bidens Plan, eine weltweite Mindeststeuer auf Konzerngewinne
einzuführen, ist eine der wichtigsten politischen Ideen unserer Zeit.
Der Präsident hat verstanden, dass der Steuerwettbewerb der Staaten
nicht dauerhaft aufrechterhalten werden kann. Der Beitrag der
Unternehmen zum weltweiten Steueraufkommen hat sich in den vergangenen
20 Jahren halbiert. Das kann so nicht weitergehen.
SPIEGEL: Die Biden-Regierung wollte ursprünglich einen globalen
Mindeststeuersatz von 21 % durchsetzen. Jetzt sollen es noch 15 %
werden. Ein Eingeständnis, dass der Plan zu ambitioniert war?
Zucman: Nein. Ein Steuersatz von 21 % überfordert kein Unternehmen. Einigte
sich die OECD am Ende auf 15 %, würde das die zusätzlichen Einnahmen
halbieren. Der Satz ist viel
zu niedrig - und dennoch wäre er ein Fortschritt von historischer
Dimension.
SPIEGEL: Warum?
Zucman: Es wäre das Signal für einen fundamentalen Wandel. Seit vier
Jahrzehnt sind die Unternehmenssteuern nur gesunken.
Jetzt würden sie zum ersten Mal steigen. Derzeit steht es jeder
Regierung frei, den Steuersatz auf
null zu senken. Künftig wäre alles unter 15 % illegal.
SPIEGEL: Viele Steueroasen können auch mit 15 % gut leben.
Zucman: In der Tat, das würde ihr Geschäftsmodell nicht fundamental
bedrohen, solange die effektiven Unternehmenssteuern in anderen Ländern
doppelt so hoch liegen. Dennoch wäre eine echte Trendwende eingeleitet.
SPIEGEL: Inwiefern?
Zucman: Die Länder würden nicht mehr um die niedrigsten Steuersätze
konkurrieren, sondern um die produktivste Infrastruktur, die besten
Universitäten, die fähigsten Arbeitskräfte. Aus einem ungesunden und
sozial schädlichen Unterbietungsrennen würde ein fruchtbarer
Wettbewerb.
SPIEGEL: Warum haben die USA ihre ursprüngliche Forderung gesenkt? Weil sie
den Konflikt mit Niedrigsteuerstandorten wie Malta oder den Bermudas
scheuen?
Zucman: Natürlich nicht. Wenn die USA wollten, könnten sie das Geschäft
der Steueroasen mit einem Schlag trockenlegen. Aber in den Vereinigten
Staaten gibt es genauso wie in Deutschland oder Frankreich
einflussreiche Gruppen, die von niedrigen Sätze profitieren,
beispielsweise die Aktionäre der großen multinationalen Konzerne. Sie
machen gegen höhere Unternehmensteuern mobil -obwohl sie damit
langfristig ihren eigenen Interessen schaden.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Zucman: Die Bürger der Industrieländer werden die Globalisierung auf Dauer
nur akzeptieren, wenn die großen Profiteure - also die internationalen
Konzerne, Banken und Fondsanbieter - einen fairen Beitrag zur
Finanzierung des Gemeinwesens leisten. Andernfalls landen wir in einer
Sackgasse.
SPIEGEL: Die großen amerikanischen Unternehmen sehen das anders. Sie sind
gegen Bidens Steuerpläne, weil sie die international Wettbewerbsfähigkeit
der US-Industrie bedroht sehen. Ist da gar nichts dran?
Zucman: Nein. Um für ein erstklassiges Bildungssystem und eine gute
Infrastruktur zu sorgen, benötigen die Staaten Geld. Deshalb sollte die
Industrie selbst ein Interesse daran haben, dass sich die Nationen auf
eine vernünftige weltweite Mindeststeuer einigen.
SPIEGEL: Viele Ökonomen sind der Auffassung, dass Unternehmen mehr
investieren, wenn die Steuern niedrig sind.
Zucman: Das ist durchaus denkbar. Nur trifft das für die USA derzeit nicht
zu, wie die Steuersenkungen von Donald Trump gezeigt haben. Obwohl er
die Sätze für die Unternehmen um sage und schreibe 14 Punkte
herabgesetzt hat, blieben die wirtschaftlichen Erfolge aus. Wachstum,
Investitionen, Einkommen: Alles hat in der Trump-Ära im Großen und
Ganzen mit derselben Rate zugelegt wie unter Barack Obama.
SPIEGEL: Immerhin sind die Löhne gestiegen, vor allem für Kleinverdiener.
Zucman: Auch das hat schon unter Obama begonnen und sich unter Trump
lediglich fortgesetzt. Sie können nehmen, was Sie wollen:
Wirtschaftlich waren Trumps Steuersenkungen eine Nullnummer.
SPIEGEL: Das mag sein. Langfristig betrachtet, sind die Vereinigten
Staaten mit ihren niedrigen Steuersätzen indes nicht schlecht gefahren.
Die USA sind noch immer die technologisch führende Industrienation,
und die Wirtschaft wächst schneller als in den Hochsteuerländern
Europas.
Zucman: Das stimmt allenfalls für die Volkswirtschaft als Ganzes und hängt
vor allem mit dem Wachstum der Bevölkerung zusammen. Pro Kopf haben
sich die Einkommen in den USA seit 1980 nicht besser entwickelt als in
vergleichbaren Industrieländern. Im Gegenteil: Für den
Durchschnittsamerikaner haben sich die Lebensumstände eher
verschlechtert. SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.
Zucman: Während die Einkommen des wohlhabendsten Zehntels der Bevölkerung
seit der Jahrtausendwende um zwei bis drei Prozent pro Jahr gestiegen
sind, haben die Einkünfte der großen Mehrheit kaum zugelegt. Die
Lebenserwartung vieler Amerikaner hat in den vergangenen Jahrzehnten
sogar abgenommen. Viele US-Bürger klagen über steigende
Arbeitszeiten und Stress, und ihre Kinder beginnen das Berufsleben meist
mit hohen Schulden, die sie für ihr Studium aufnehmen mussten. Die
sogenannte Trickle-down-Politik, die Ronald Reagan vor 40 Jahren eingeführt
hat, um die Wirtschaft anzukurbeln, war ein einziger, großer
Fehlschlag.
SPIEGEL: Sie meinen die These, wonach sich eine Politik zugunsten der
Reichen langfristig auch für die breite Masse auszahlt.
Zucman: Bei der Frage jedenfalls, wer den Staat finanziert, haben die
Wohlhabenden über die Mittelschicht triumphiert. In den USA müssen
Durchschnittsverdiener inzwischen mehr von ihrem Einkommen beim Finanzamt
abliefern als die Superreichen. Das ist das Gegenteil eines
Steuersystems, das den Stempel »gerecht« verdient.
SPIEGEL: Nur was hat das mit den Abgaben für die Konzerne zu tun?
Zucman: Mehr als die meisten denken. Einkommen- und Unternehmenssteuern sind
eng miteinander verkoppelt. Wenn der Staat die Unternehmen verschont,
muss er irgendwann auch die Steuer auf die persönlichen Einkommen
senken, zumindest bei den wohlhabenden Schichten.
SPIEGEL: Warum?
Zucman: Viele Gutverdiener sind Selbstständige: Chefärzte, Anwälte,
Softwareentwickler. Sie könnten häufig auch ein Unternehmen gründen,
über das sie ihre Einkünfte laufen lassen. Viele machen das ja schon,
wenn es sich steuerlich lohnt. Deshalb darf der Abstand zwischen den Sätzen
auf Firmengewinne und denen auf persönliche Einkommen nie zu groß
werden. So gesehen ist ein vernünftiger Mindeststeuersatz für Firmen
auch ein wichtiger Beitrag, um die Gerechtigkeit des Steuersystems
insgesamt zu erhöhen.
SPIEGEL: Während der Coronapandemie haben Konzerne wie Amazon und Google
besonders gute Geschäfte gemacht.
Zucman: Das macht es umso notwendiger, multinationale Konzerne höher zu
besteuern. Die Umsätze von Digital- und Pharmakonzernen sind
explodiert; zugleich hatten Reiseführer, Kellner oder Einzelhändler
oft keinerlei Einkünfte. Deshalb sollten die Regierungen überlegen, ob
sie die gewaltigen Extraprofite mancher Unternehmen nicht mit einer
Zusatzsteuer belegen. Zu Zeiten des Koreakonflikts haben die Vereinigten
Staaten die Gewinne von Kriegsgewinnlern mit bis zu 80 Prozent
besteuert.
SPIEGEL: Würde dann Apple seine Produktion nicht sofort einstellen?
Zucman: Das glaube ich nicht, denn die Gewinne des Konzerns wären immer
noch hoch. Aber es wäre der richtige Weg, um die Kosten der Pandemie
gerechter zu verteilen.
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