DER SPIEGEL 65 Nr.22/29.5.2021  Auszüge

 

Interview: Michael Sauga

Durchschnittsverdiener zahlen heute mehr Steuern als Superreiche

 

Der  Berkeley-Professor  Gabriel  Zucman, 34, 

gilt als Vordenker für ein gerechteres Abgabensystem. 

Er fordert die EU auf, ihre Steueroasen trockenzulegen 

und Konzerne stärker zur Kasse zu bitten.

Vermögensverteilung in Deutschland 2019

Quelle: SZ 7./8. Mai 2022 S. 2 

SPIEGEL: Herr Zucman, haben Sie schon eine Joe-Biden-Tasse auf dem Schreibtisch stehen?

Zucman: Nein. Aber ich begrüße, dass der US-Präsident entschlossen gegen die Steuer­flucht großer Konzerne vorgeht. Das kann das Gesicht der Globalisierung verändern, und zwar zum Besseren.

SPIEGEL: Im US-Vorwahlkampf haben Sie noch Bernie Sanders unterstützt, dem Bidens Steuerpläne zu moderat waren. ..

Zucman: .. Bidens Plan, eine weltweite Mindeststeuer auf Konzern­gewinne einzuführen, ist eine der wichtigsten politischen Ideen unserer Zeit. Der Präsident hat verstanden, dass der Steuerwettbewerb der Staaten nicht dauerhaft aufrechterhalten werden kann. Der Beitrag der Unternehmen zum weltweiten Steueraufkommen hat sich in den vergangenen 20 Jahren halbiert. Das kann so nicht weitergehen.

SPIEGEL: Die Biden-Regierung wollte ursprünglich einen globalen Mindeststeuersatz von 21 % durchsetzen. Jetzt sollen es noch 15 % werden. Ein Eingeständnis, dass der Plan zu ambitioniert war?

Zucman: Nein. Ein Steuersatz von 21 % überfordert kein Unternehmen. Einigte sich die OECD am Ende auf 15 %, würde das die zusätzlichen Einnahmen halbieren.  Der Satz ist viel zu niedrig - und dennoch wäre er ein Fortschritt von historischer Dimension.

SPIEGEL: Warum?

Zucman: Es wäre das Signal für einen fundamentalen Wandel. Seit vier Jahrzehnt sind die Unternehmenssteuern nur gesunken.  Jetzt würden sie zum ersten Mal steigen. Derzeit steht es jeder Regierung frei, den Steuersatz  auf null zu senken. Künftig wäre alles unter 15 % illegal.

SPIEGEL: Viele Steueroasen können auch mit 15 % gut leben.

Zucman: In der Tat, das würde ihr Geschäftsmodell nicht fundamental bedrohen, solange die effektiven Unternehmenssteuern in anderen Ländern doppelt so hoch liegen. Dennoch wäre eine echte Trendwende eingeleitet.

SPIEGEL: Inwiefern?

Zucman: Die Länder würden nicht mehr um die niedrigsten Steuersätze konkurrieren, sondern um die produktivste Infrastruktur, die besten Universitäten, die fähigsten Arbeitskräfte. Aus einem ungesunden und sozial schädlichen Unterbietungsrennen würde ein fruchtbarer Wettbewerb.

SPIEGEL: Warum haben die USA ihre ursprüngliche Forderung gesenkt? Weil sie den Konflikt mit Niedrigsteuerstandorten wie Malta oder den Bermudas scheuen?

Zucman: Natürlich nicht. Wenn die USA wollten, könnten sie das Geschäft der Steueroasen mit einem Schlag trockenlegen. Aber in den Vereinigten Staaten gibt es genauso wie in Deutschland oder Frankreich einflussreiche Gruppen, die von niedrigen Sätze profitieren, beispielsweise die Aktionäre der großen multinationalen Konzerne. Sie machen gegen höhere Unternehmensteuern mobil -obwohl sie damit langfristig ihren eigenen Interessen schaden.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Zucman: Die Bürger der Industrieländer werden die Globalisierung auf Dauer nur akzeptieren, wenn die großen Profiteure - also die internationalen Konzerne, Banken und Fondsanbieter - einen fairen Beitrag zur Finanzierung des Gemeinwesens leisten. Andernfalls landen wir in einer Sackgasse.

SPIEGEL: Die großen amerikanischen Unternehmen sehen das anders. Sie sind gegen Bidens Steuerpläne, weil sie die international Wettbewerbsfähigkeit der US-Industrie bedroht sehen. Ist da gar nichts dran?

Zucman: Nein. Um für ein erstklassiges Bildungssystem und eine gute Infrastruktur zu sorgen, benötigen die Staaten Geld. Deshalb sollte die Industrie selbst ein Interesse daran haben, dass sich die Nationen auf eine ver­nünftige weltweite Mindeststeuer einigen.

SPIEGEL: Viele Ökonomen sind der Auffas­sung, dass Unternehmen mehr investieren, wenn die Steuern niedrig sind.

Zucman: Das ist durchaus denkbar. Nur trifft das für die USA derzeit nicht zu, wie die Steuersenkungen von Donald Trump gezeigt haben. Obwohl er die Sätze für die Unternehmen um sage und schreibe 14 Punkte herabgesetzt hat, blieben die wirtschaftlichen Erfolge aus. Wachstum, Investitionen, Ein­kommen: Alles hat in der Trump-Ära im Großen und Ganzen mit derselben Rate zugelegt wie unter Barack Obama.

SPIEGEL: Immerhin sind die Löhne gestiegen, vor allem für Kleinverdiener.

Zucman: Auch das hat schon unter Obama begonnen und sich unter Trump lediglich fort­gesetzt. Sie können nehmen, was Sie wollen: Wirtschaftlich waren Trumps Steuersenkun­gen eine Nullnummer.

SPIEGEL: Das mag sein. Langfristig betrach­tet, sind die Vereinigten Staaten mit ihren niedrigen Steuersätzen indes nicht schlecht gefahren. Die USA sind noch immer die tech­nologisch führende Industrienation, und die Wirtschaft wächst schneller als in den Hochsteuerländern Europas.

Zucman: Das stimmt allenfalls für die Volks­wirtschaft als Ganzes und hängt vor allem mit dem Wachstum der Bevölkerung zusammen. Pro Kopf haben sich die Einkommen in den USA seit 1980 nicht besser entwickelt als in vergleichbaren Industrieländern. Im Gegen­teil: Für den Durchschnittsamerikaner haben sich die Lebensumstände eher verschlechtert. SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Zucman: Während die Einkommen des wohl­habendsten Zehntels der Bevölkerung seit der Jahrtausendwende um zwei bis drei Pro­zent pro Jahr gestiegen sind, haben die Einkünfte der großen Mehrheit kaum zugelegt. Die Lebenserwartung vieler Amerikaner hat in den vergangenen Jahrzehnten sogar ab­genommen. Viele US-Bürger klagen über steigende Arbeitszeiten und Stress, und ihre Kinder beginnen das Berufsleben meist mit hohen Schulden, die sie für ihr Studium auf­nehmen mussten. Die sogenannte Trickle-down-Politik, die Ronald Reagan vor 40 Jahren eingeführt hat, um die Wirtschaft anzukurbeln, war ein einziger, großer Fehlschlag.

SPIEGEL: Sie meinen die These, wonach sich eine Politik zugunsten der Reichen langfristig auch für die breite Masse auszahlt.

Zucman: Bei der Frage jedenfalls, wer den Staat finanziert, haben die Wohlhabenden über die Mittelschicht triumphiert. In den USA müssen Durchschnittsverdiener inzwischen mehr von ihrem Einkommen beim Fi­nanzamt abliefern als die Superreichen. Das ist das Gegenteil eines Steuersystems, das den Stempel »gerecht« verdient.

SPIEGEL: Nur was hat das mit den Abgaben für die Konzerne zu tun?

Zucman: Mehr als die meisten denken. Einkommen- und Unternehmenssteuern sind eng miteinander verkoppelt. Wenn der Staat die Unternehmen verschont, muss er irgendwann auch die Steuer auf die persönlichen Einkommen senken, zumindest bei den wohlhaben­den Schichten.

SPIEGEL: Warum?

Zucman: Viele Gutverdiener sind Selbststän­dige: Chefärzte, Anwälte, Softwareentwickler. Sie könnten häufig auch ein Unternehmen gründen, über das sie ihre Einkünfte laufen lassen. Viele machen das ja schon, wenn es sich steuerlich lohnt. Deshalb darf der Abstand zwischen den Sätzen auf Firmengewinne und denen auf persönliche Einkommen nie zu groß werden. So gesehen ist ein ver­nünftiger Mindeststeuersatz für Firmen auch ein wichtiger Beitrag, um die Gerechtigkeit des Steuersystems insgesamt zu erhöhen.

SPIEGEL: Während der Coronapandemie ha­ben Konzerne wie Amazon und Google besonders gute Geschäfte gemacht.

Zucman: Das macht es umso notwendiger, multinationale Konzerne höher zu besteuern. Die Umsätze von Digital- und Pharmakonzernen sind explodiert; zugleich hatten Reiseführer, Kellner oder Einzelhändler oft keinerlei Einkünfte. Deshalb sollten die Regierungen überlegen, ob sie die gewaltigen Extraprofite mancher Unternehmen nicht mit einer Zusatzsteuer belegen. Zu Zeiten des Koreakonflikts haben die Vereinigten Staaten die Gewinne von Kriegsgewinnlern mit bis zu 80 Prozent besteuert.

SPIEGEL: Würde dann Apple seine Produk­tion nicht sofort einstellen?

Zucman: Das glaube ich nicht, denn die Ge­winne des Konzerns wären immer noch hoch. Aber es wäre der richtige Weg, um die Kosten der Pandemie gerechter zu verteilen.